Die Sache mit dem Hund

Die Sache mit dem Hund

Wie ein dänischer Hund mein Herz eroberte

Ich hatte früher Angst vor Hunden – und um ganz ehrlich zu sein, habe ich noch immer ordentlich Respekt vor den meisten Exemplaren. Was ja – so sagen mir zumindest viele Hundebesitzer – auch gar nicht komplett verkehrt ist. Grundsätzlich aber mag ich Hunde sehr und ich hätte nur allzu gerne selbst so einen Vierbeiner. Wirklich, der steht ganz oben auf meiner Wunschliste. Und das schon sehr lange.

Früher war das aber anders. Da hatte ich Angst. Ich wechselte die Straßenseite, wenn ich nur in weiter Entfernung einen Hund – mit oder ohne zugehörigen Menschen war mir völlig egal – erspähte. Ich erinnere mich an einen Morgen, an dem ich auf dem Weg zum Kindergarten durch einen Hund aufgehalten wurde. Der war zwar so weit entfernt, dass er mich völlig uninteressant fand und stand auch einfach da auf dem Fußweg – ich aber stoppte und machte mich nach einer gefühlten Ewigkeit wieder auf den Rückweg. Da konnte ich nun wirklich nicht dran vorbei.

Diese Angst besserte sich vorübergehend als bei meiner besten Freundin, die neben uns wohnte, ein Cocker Spaniel einzog. Erst war auch der mir unheimlich – so manches Mal standen wir uns gegenüber: er auf der einen Seite unserer Gartenpforte, ich auf der anderen. Meine Mutter hatte damals die entscheidene Idee – sozusagen eine Friedenswurst brachte langfristigen Erfolg und echte Zuneigung in unsere Beziehung. Doch der Cocker musste umziehen und so war ich wieder hundelos und bald schon angstvoll.

Kapidaenin und Hund
Der Anfang einer Liebe: Kapidaenin und Hund

Das änderte sich erst wieder – ihr ahnt es schon – in Dänemark.

Wie ich Gesellschaft auf dem Weg zum Bäcker bekam

Zusammen mit meiner Mutter machte ich – längst erwachsen und mitten im Studium – Urlaub im Norden Jütlands. Es war schon Nachsaison, aber immer noch warm und wir hatten schöne, sonnige Tage. Unser Ferienhäuschen lag auf einer kleinen Anhöhe und von der gemütlich, überdachten Terrasse hatte man besten Überblick über die Dünen und den Weg, der ins Dorf führte. Als Studentin hatte ich nicht wirklich viel Geld und so war das Haus auch ganz schlicht und nachdem wir Plastiktischdecken und -blumen beiseite geräumt hatten (natürlich haben wir bei Abfahrt alles wieder an Ort und Stelle geräumt), fühlten wir uns pudelwohl.

Morgens zum Frühstück wollten wir uns frische Brötchen gönnen und so ging ich jeden Morgen los während meine Mutter Frühstück vorbereitete.

Über den kleinen Weg kam ich herunter ins Dorf und an der ersten Kreuzung, in deren Ecke ein alter Dreiseithof lag, bog ich einfach in die schmale Straße ab, die durchs Dorf und direkt zum Kaufmann führte. So machte ich es Tag für Tag – völlig unbehelligt und gut gelaunt bis an Tag vier plötzlich an der Ecke des besagten Hofes ein Hund saß und in meine Richtung blickte.

Ein für meine Begriffe riesiger, heller Hund saß dort und da die Straße so schmal war, lohnte sich ein Seitenwechsel nicht. Ich zögerte – drehe ich um? Dann habe ich das Tier im Rücken. Ich ging also weiter – bloß nicht den Hund anstarren – und als ich auf Höhe des Vierbeiners – der irgendwie auch ein bisschen lustig aussah, wie er da so saß – setzte der sich in Bewegung und ging neben mir her.

OK. Ruhe bewahren, nicht ansprechen und unbeteiligt gucken war meine Devise und der Hund neben mir hielt sich auch daran.

Schweigend trotteten wir nebeneinander her.

Spätestens beim Kaufmann bin ich ihn los, ging mir durch den Kopf und als wir endlich dort ankamen, huschte ich in den Laden ohne meinen Begleiter auch nur eines Blickes zu würdigen. Ich staunte nicht schlecht als ich mit einer Tüte sehr sorgfältig ausgesuchten Brötchen wieder herauskam und der Hund vor der Tür des Ladens wartete. Offensichtlich auf mich, denn als ich herauskam, erhob er sich und wir traten gemeinsam den Rückweg an. Wieder schweigend, nur ab und zu wagte ich einen Blick auf den Vierbeiner zu werfen, der friedlich bei Fuß neben mit her ging.

An der Ecke des Hofes blieb meine Begleitung stehen und bog dann ab auf den Hof – fast hätte ich „kopfschüttelnd“ geschrieben und irgendwie hätte das auch gepasst.

Wasserratte und Strandschönheit
Abigæl – Wasserratte und Strandschönheit

So ging es nun bis zum siebten Tag.

Im Laufe des Tages zuvor hatte ich mich bei dem Kunsthandwerker, der den Dreiseithof bewohnte und dort seine Werkstatt hatte, nach dem Tier erkundigt. Baldur hieß er. Und war schon ein älterer Herr, sehr lieb und etwas stoisch. Baldur ließ sich an jenem Nachmittag auch gar nicht blicken, so dass ich zwar schlauer, aber unverrichteter Dinge (war es nicht schlauer, eine Kontaktaufnahme quasi unter Beaufsichtigung herzustellen?) wieder abzog.


Am nächsten Morgen also saß Baldur wieder an seinem Platz und machte sich auf, mit mir zum Kaufmann zu gehen.

„Hallo, Baldur!“ Stille. Natürlich – selbst ich hatte nicht auf eine Antwort gehofft. Aber vielleicht doch auf einen Blick? Aber nein. Stattdessen hatte der Hund offenbar meine Ansprache auf dem Hinweg als Aufforderung dazu verstanden, doch mal zu gucken, wo ich wohne. Und so begleitete er mich erstmals zurück bis zum Ferienhaus. Vor der Terrasse blieb er sitzen, wartete bis ich in der Terrassentür verschwunden war, und ging.
„Wer war das denn?“ Meine Mutter staunte – zwar hatte ich ihr schon von meiner Begegnung mit Baldur berichtet, aber so richtig glauben konnte sie es wohl nicht.

Auch am nächsten Tag begleitete mich Baldur wieder zurück bis zum Ferienhäuschen – diesmal bot ich ihm ein Knäckebrot – quasi als Friedenswurst – an und streichelte ihm über den Kopf. Etwas unschlüssig verharrte er vor der Terrasse, das Brot quer in der Schnauze ließ er sich das Streicheln gefallen. Dann stand er auf und fing an, unweit der Holzterrasse ein Loch zu buddeln. Er ließ das trockene Brot hineinfallen und bedeckte es notdürftig wieder mit etwas Sand. Dann ging er. Ich hatte verstanden.

Am nächsten Morgen kaufte ich nicht nur Brötchen, sondern auch eine kleine Tüte mit Leckerli – Baldur ließ mich während unseres Heimwegs kaum aus den Augen. Ein neues Loch musste nicht mehr gebuddelt werden und ich glaube, er hatte mich tatsächlich – wenn auch erkauft – etwas ins Herz geschlossen. Ich ihn jedenfalls schon.

Nachtrag: Ein knappes Jahr später hatten wir einen Familienhund. Eine gelbe Labradordame, die wir Abigæl nannten. Und die fast ein bisschen aussah wie Baldur.

Große Liebe und Flatterohr


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