Upgrade zum downsizing oder warum die smørhuller manchmal so wichtig sind

Upgrade zum downsizing oder warum die smørhuller manchmal so wichtig sind

Ich bin gestresst. Ich bin urlaubsgestresst. In 4 Wochen habe ich zwei Wochen Urlaub und habe mich noch nicht entschieden, wo ich den verbringen werde. Freunde, Bekannte und Kollegen werden nicht müde, mich daran zu erinnern und haben gleich die besten Tipps parat. Eine Freundin fliegt in die USA und Kanada und hat für nächstes Jahr schon Mittelamerika gebucht – bevor sie nach Florida fliegt. Freunde empfehlen Korsika. Oder Vollpension in Spanien, da kann man richtig entspannen. Wir machen eine Kreuzfahrt, da sieht man was! Oder Sylt, the place to be laut eines Kollegen. Peru ist angesagt und Frankreich muss man doch auf jeden Fall gesehen haben. Überhaupt Städtetouren könnte ich doch auch mal machen.

Ja, zum Glück könnte ich das tatsächlich. Aber ich möchte das gar nicht. Jedenfalls nicht diesen Herbst. Und vor allem möchte ich mich nicht an den Meine Urlaubsdestinationmeine Unterkunft meine Verpflegung – Diskussionen beteiligen.

Ich möchte Ruhe – downsizing würden manche das wohl nennen – lange Spaziergänge am Strand, egal ob bei Regen, Wind oder Sonnenschein. Ein dickes Buch lesen – mit echten Papierseiten, die beim Umblättern rascheln. Bernstein suchen. Dänische Lebensmittel einkaufen und einfache Dinge kochen – ohne sie zu fotografieren und bei Instagram hochzuladen. Kaffee auf der Terrasse. Nachts auf einer Liege den Sternenhimmel bewundern.

 

Eigentlich möchte ich einen Urlaub wie früher.

Als Kind hatte ich viel Glück. Ich konnte mit der Familie in den Urlaub fahren. Wir fuhren jedes Jahr in den Sommerferien für drei Wochen in ein Ferienhaus nach Dänemark. Das waren die besten Wochen des Jahres. Und auch wenn Schulkameraden in für mich exotische Länder reisten, von Poolanlagen erzählten, die ich mir kaum ausmalen konnte und begeistert Trophäen ihrer Kinderanimations- und später Teenie Clubs vorzeigten, berichtete ich jedes Mal am letzten Schultag voller Vorfreude von den bevorstehenden Ferien im Norden. Trotz so manch gelangweilter Miene bei Mitschülern und Lehrern.

Die Ferienhäuser waren einfach – es gab weder Pool noch Sauna. Eine Waschmaschine war ebenso wenig im Haus wie ein Geschirrspüler. Dafür waren wir Kinder jeden dritten Tag mit Abtrocknen dran und achteten penibel genau darauf, dass es auch ja nichts aufwändig zu Kochendes gab, wenn man selbst an der Reihe war. Manchmal hatte das Haus einen Fernseher, aber da es nur die dänischen Programme gab, war er für uns völlig uninteressant. Wir versuchten zwar immer, einige Wörter aufzuschnappen, für Fernsehen reichte es aber nicht. Da half auch nicht, dass Sendungen im Original gezeigt wurden und man sich hätte mit Englischkenntnissen berieseln lassen können – bei meinem ersten Urlaub in Dänemark war ich 4 Jahre alt. Es gab noch kein Internet und keine Spielekonsolen. Gespielt haben wir Monopoly, Mensch-Ärgere-Dich-Nicht und MauMau. Im Urlaub habe ich als kleines Mädchen Doppelkopf gelernt. Wir haben auf der Wiese Fußball gespielt und Drachen aus Einkaufstüten gebaut. Am Strand spielten wir mit alten Tennisbällen und Schlägern Tennis und im Wasser mit dem aufblasbaren NIVEA Wasserball, der ein Werbegeschenk war.

Oft haben wir zusammen die aus der Bücherei entliehenen Bücher gelesen, rundum las jeder ein Stückchen vor auf der Terrasse oder abends im Haus. Das war mein persönliches Saltkråkan – in Dänemark.

Gegessen wurde sparsam. Anfangs waren Lebensmittel noch sehr viel teurer und so brachten wir jede Menge Konserven mit von zuhause. Serbische Bohnensuppen und Texastopf in Massen. Außerdem Spaghetti mit Soße aus Tomatenmark und Mehlschwitze. Die paar Tafeln Schokolade, die eigentlich für 3 Wochen reichen sollten, waren meist innerhalb der ersten Tage aufgegessen. Luxus waren die riesigen Pakete Cornflakes, die wir uns kauften und mit dänischem Joghurt und Grød aus den 1 Liter Packungen aßen, die aussahen wie unsere Milchtüten. Literweise getrunken haben wir Sirup, den es in zwei Geschmacksrichtungen gab: Waldmeister und Himbeer – natürlich wurde der mit Leitungswasser vedünnt.

 

Schon immer war es in unseren Familienurlauben so, dass wir uns die Gegend angesehen haben – wir sind in Museen gewesen, durch die Natur gelaufen, haben Städte besichtigt (familienlegendär sind die selbstangelesenen Stadtführungen meiner Mutter), aber auch Strandtage waren bei uns beliebt – auch wenn wir niemals die Strandburgenbauer waren. Eher zeichneten wir uns ein Spielfeld für Strandtennis auf den Sand, wenn er fest genug gefahren war. Einkaufen im Supermarkt war ein Erlebnis und unser wöchentliches Taschengeld ging nicht selten für Eis (Bamse, das war Eis in der Waffel mit einem Schaumkuss) oder Snørre (Fruchtgummi schnüre in verschiedenen Geschmacksrichtungen) drauf.

 

Mir ist noch gut in Erinnerung, wie es war, wenn wir nach drei Wochen Sommerurlaub zurück nach Hause kamen – wir freuten uns auf Schokolade. Ein Schnitzel. (Beides wurde zeitnah gekauft, denn nicht nur wir Kinder hatten Heißhunger auf beides) Und unsere Spielsachen, die nicht in Massen mitgeschleppt worden waren – wie spannend die plötzlich wieder waren! Und auch mal wieder Fernsehen zu gucken, war etwas Besonderes. Aber vor allem freuten wir uns auf eines: auf die Sommerferien im nächsten Jahr. In Dänemark.

Vielleicht ist das ja genau das, was ich diesen Herbst machen möchte. Einen Urlaub ohne schneller- höher- weiter. Ohne Spektakuläres, aber mit tausend Kleinigkeiten, die es verdient haben, mal beachtet zu werden. Echte smørhuller eben. Und vielleicht ist das gar nicht dieses downsizing. Vielleicht ist so ein Urlaub ein Upgrade. Ein Upgrade zum Runterkommen.

 

 



8 thoughts on “Upgrade zum downsizing oder warum die smørhuller manchmal so wichtig sind”

  • Wunderbar, liebe Sibille. Habe viele Male genickt beim Lesen, nicht nur, weil ich etliche Situationen aus Urlauben in meinen Kinder- und Jugendtagen wiedererkannt habe (auch wenn die nicht in Dänemark stattfanden, das ich erst viel später entdeckt habe).
    Auch Deinem Fazit am Ende des Textes ist nichts hinzuzufügen.
    Dein Text ist eine Punktlandung.

  • Hej Sibille, da kann ich Michael nur zustimmen. Dies ist ein ganz besonders gelungener Text (vorallem die „selbsangelesene Stadtführung“ kenne ich noch zu gut). Den Text werde ich auf jeden Fall, dein Einverständniss vorausgesetzt, so manchem zum lesen geben.
    Vilen Dank für die Freude die mir dieser Text gemacht hat.

    • Hej Eberhard, vielen Dank! Dein Kommentar freut mich wirklich sehr – und ja, natürlich würde mich es sehr freuen, wenn Du den Text sogar weiterempfiehlst 🙂 Eine der selbstangelesenen Stadtführungen, die ich besonders gut in Erinnerung habe, war in Sæby – gefühlte 30 Grad, strahlend blauer Himmel und sehr, sehr viele Häuser. (Und erst am Ende ein Eis).

  • Hallo Kapidaenin,

    ich bin gerade erst über diesen Text gestolpert und muss dir sagen, der ist sagenhaft. Das ist genau das was wir auch im schönsten Land der Welt suchen. Abgeschiedenheit vom Trubel der Welt. Strandspaziergänge ohne jemanden auf die Füße zu treten und neue Orte kennenzulernen. Pauschalurlaub? Nicht für uns. Lieber fünf Tage am Stück Nudeln oder Grillen, dafür mit einem Buch im Sonnenuntergang aufs Meer schauen. Übrigens habe ich bis jetzt noch keinen Dänen gefunden, der mir Smørhuller perfekt übersetzen könnte?!

    Viele Grüße Steffen

    • Hallo Steffen, vielen Dank für Deinen tollen Kommentar – freut mich wirklich sehr ! Sind das dann die Bücher, die Du auf Deinem Blog so klasse vorstellst? Dann bitte unbedingt schnell weitermachen mit den Büchern bei Sonnenuntergang am Meer…!
      Smørhuller hat sich inzwischen geklärt, richtig?

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