Ich mag den Alltag

Einer meiner liebsten dänischen Texte ist eine Huldigung an den Alltag.

Wer mich kennt, den wundert nicht, aus wessen Feder der Text, der eigentlich ein Songtext ist, stammt: Dan Turèll.


Dan Turèll war Journalist und Schriftsteller. Er lebte in Kopenhagen, in der Stadt, die er liebte und die oft Gegenstand oder Kulisse seiner zahlreichen Erzählungen, Romane und Songtexte war. Einem größeren Publikum außerhalb Dänemarks wurde er vor allem bekannt durch seine Krimireihe um den namenlosen Journalisten, doch ich mag vor allem seine kurzen Texte. Seinen Humor, seinen oftmals durchaus kritischen Blick auf Dänemark – jedoch nie mit erhobenem Zeigefinger.

Dan Turèlls Grab auf dem Assistens Kirkegaard in Kopenhagen – Fans hinterlassen hier noch immer Kugelschreiber und Feuerzeuge


Turèlls Hyldest til hverdagen habe ich schon immer gemocht, aber vielleicht verstehe ich diesen Songtext erst jetzt richtig. Turèll beschreibt, was genau er am Alltag mag. Kaffeeduft und den täglichen Gang zum Købmand, um Milch, Zigaretten und Zeitungen zu kaufen. Das Geräusch der Post, die durch den Briefschlitz klatschend auf dem Flurboden landet. Das Kind, das gerade dann abgeholt werden muss, wenn es nicht passt. Den Abwasch und die Einkaufsliste in der Jackentasche. Kleinigkeiten, die so oft gar keine Beachtung im Alltäglichen finden. Oder auch jene, die wir zuweilen lästig finden oder uns darüber ärgern.

Ich mag den Alltag postuliert Turèll – Jeg holder af hverdagen / Mest af alt holder jeg af hverdagen – dabei hat er aber keinesfalls etwas gegen Feste, Feiern und das, was aus dem Alltag heraussticht. Jeg holder af hverdagen / Ikke i modsætning til fest og farver, tjald og balfaldera / …/ Fint nok med fester! Al plads for euforien! Lad de tusinde perler boble! Aber diese Festlichkeiten mit all dem Ungesagten und Ungefähren seien eben nur durch den Alltag wieder zu heilen – „welch Glück, sich danach wieder ins Bett des Alltags zu legen“.

Mag ich den Alltag auch? Diese Tage, an denen nichts Ungewöhnliches passiert. Die Stunden, die so dahinplätschern und alles seinen Gang geht. Ich mag ihn auch, den Alltag. Die vielen Kleinigkeiten, denen man viel zu selten Beachtung schenkt. Diese wohlige Routine der Nichtigkeiten. Wie oft halten wir sie für unbedeutend und leben nur von Highlight zu Highlight? Kaum aus dem Urlaub zurück, planen wir schon den nächsten oder haben ihn sogar schon gebucht. Weihnachten sprechen wir schon von Ostern und Montagmorgen zählen wir die Stunden bis zum Wochenende.

In Zeiten wie diesen bin ich sogar manchmal froh, wenn nichts Ungewöhnliches passiert. In Zeiten wie diesen tut ja vielleicht ein wohlwollender Blick auf den eigenen Alltag gut.


Jeg holder af hverdagen / Jeg er vild med den

Ich auch, Dan!



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