Bloggeplauder

Bloggeplauder

Unser heutiges Bloggeplauder dreht sich um Weiterbildung, Hochzeits- und Silberhochzeitsbräuche sowie um dänischen Humor.

 

 

Liebe Bille,
stell dir vor, dein Brief bekam heute für mich eine besondere Bedeutung, als ich heute Mittag zur Frokostpause in einem kleinen Pizzaimbiss in Kopenhagen saß:

Ich habe das erste Mal in meinem Leben einen Eindruck von der Wucht einer Schusswaffe erhalten! In dem Fenster der Pizzaria, die in einer etwas verrufenen Gegend von Kopenhagen liegt, war tatsächlich ein Einschussloch in der Glasscheibe. Meine Freundin, die bis vor 9 Jahren dort gelebt hatte, meinte nur, dass Schießereien in Nørrebro gar nicht so ungewöhnlich seien. Bandenkriege gäbe es da öfter. Sie habe sogar schon mal gesehen, wie entlang der gesamten Straße Mülltonnen und Gegenstände brannten. Weil gegen die Schließung eines Jugendcenters protestiert wurde. Das müsse sie nicht noch einmal erleben. Und dann biss sie gleichgültig in ihre Pizza.

Tja, das hyggelige Dänemark hat auch hartes Pflaster zu bieten! Und sehr wohl muss darüber geschrieben werden. Sei es in Romanen oder auch mal in Blogs.
Ich danke dir nach diesen Erlebnissen und Erfahrungen für deinen Zuspruch, auch mal unangenehme Seiten anzusprechen. Das werde ich. Tak.

Du fragtest mich, was ein Nordjütländer Landei in der Großstadt tut?

Nun, ich befinde mich im einwöchigen Praxisteil  meines Ausbildungskurses. Ich bin dabei, mich beruflich „zu erweitern“ und meine Arbeit als Freiwillige bei der mødrehjælpen aufzuwerten. Ich kann dann nach bestandenem Examen Kurse in Babymassage nach dem Prinzip „Geborgen und Freudig“ abhalten. Die Dame, die diese Methode erfunden hat, ist im Moment sehr populär und hoch angesehen hier.

Ihr Name ist quasi Qualitätsurteil und sie hat großen Erfolg mit ihrer Art, sich in der Öffentlichkeit zu präsentieren. Für mich als gebürtiger Bayer und lebhafte Rotfrau ist das übrigens gar nicht so außergewöhnlich. 

Diese Frau sprüht vor Energie und sie ist sehr extrovertiert. Ihre Körpersprache ist vergleichsweise lebhaft.

Die dänischen Teilnehmer zeigen sich sehr beeindruckt und gestehen mir, dass sie selbst „aldrig“ so sein könnten. Wir wurden sogar mit Umarmung von ihr begrüßt und sie forderte uns Teilnehmer dazu auf, in tänzerischer Ausdrucksweise locker zu werden. Und da erlebte ich wieder mal einen klaren Unterschied zwischen Dänen und Bayern:
Für mich ist das normal, Emotionen und Körpersprache zu zeigen, die mir stets kontrolliert erscheinenden Dänen schaffen das nicht. Eine Nation, die zur Silberhochzeit um sechs Uhr morgens mit Zylinder, Frack und Blasmusik aufkreuzt und das Paar plangemäß aufweckt, soll plötzlich losgelöst und frei mit anderen herumtanzen?
Kennst du übrigens die Tradition bei der Silberhochzeit? Erst wird Musik gemacht. Dann wird gemeinsam gesungen, eine Mahlzeit eingenommen und dazu muss das Jubelpaar überrascht im Nachthemd aus dem Haus gehen. Und sehr überrascht sein. Natürlich wird lange vorher dazu eingeladen, geplant und minutengenau angefangen. Hihi.
Endlich war ich also einmal mit einer Dänin im Raum, deren Gesicht ähnlich viele Grimassen ziehen konnte wie mein eigenes und deren Körpersprache sogar noch lebhafter als die meine war. Ich glaube, diese Woche wird super lustig. 

Wie wirken die Dänen eigentlich auf dich? Verstehst du ihren seltsamen Humor? Ich wurde liebevoll ausgelacht, weil ich ein „Nein, du darfst meinen Stift nicht ausleihen“ wörtlich genommen hatte und ihn beschämt zurück gegeben hatte. Nå?  

Grüße aus einem Vorort von Kopenhagen,
Marion

 

 

Möwe

 

 

Liebe Marion,

inzwischen ist einige Zeit vergangen und Dein Kurs beendet – war die Woche so lustig, wie Du es erwartet hast? Das hoffe ich doch sehr! Erzähl doch mal mehr von Deiner Ausbildung, das finde ich interessant…ich habe überhaupt den Eindruck, dass man in Dänemark berufsmäßig in den seltensten Fällen auf einer Stufe bleibt. Quereinstiege, Weiterbildungen und auch nochmal ganz von vorn beginnen ist sehr viel öfter an der Tagesordnung als es das in Deutschland ist. So ist zumindest mein Eindruck aus meiner Zeit in Dänemark.

Als ich beim Bildungsträger der IHK arbeitete, hatte ich viel mit dem dänischen Arbeitsmarkt zu tun. Das war toll, muss ich sagen – und hat mich einiges gelehrt. Man ist sich nicht für irgendetwas zu schade – und wird auch nicht schräg von den Nachbarn beäugt. Ich habe eine Ärztin kennengelernt, die zeitweise Bäume gefällt hat, weil sie gerade „in ihrem Job“ nichts fand und niemand fand das merkwürdig. Im Gegenteil.

Was Du über Deine Kursleiterin schreibst, klingt spannend – hat sie diese Art so durchgehalten die ganze Woche? Ich glaube, ich kenne keinen einzigen Dänen, der so extrovertiert ist – aber wäre es nicht schlimm, wenn alle Klischees auf jeden passen? Öde! 

Du fragst mich, wie die Dänen auf mich wirken…nun, ich denke, hier macht sich tatsächlich ein Unterschied zwischen Nord und Süd bemerkbar – interessant, oder? Auf mich wirken die Dänen ausgesprochen angenehm (was nicht heißen soll, dass Du etwas anderes behauptet hättest!) – ich mag diese auf den ersten Blick vielleicht kühl wirkende, zumindest aber zurückhaltende Art. Da fühle ich mich pudelwohl – ich bin selber auch so. Aufgewachsen in Norddeutschland – ich brauche meist Anlauf, um mit anderen Menschen warm zu werden. Und auch, wenn es keine großen Gesten und laute Sympathiebekundungen bei Dänen gibt (jedenfalls bei dem Großteil), so sagt das überhaupt nichts aus über die große Herzenswärme, Empathie und Freundlichkeit aus.

Den Silberhochzeitsbrauch kenne ich übrigens nicht – er klingt aber lustig. Wer weiß, vielleicht feiere ich meine ja in Dänemark? Allerdings kenne ich einige der Hochzeitsbräuche…Du hast ja sicher auch schon mit Dänen gefeiert? Dann weißt Du ja, dass sie das kontrolliert wirkende durchaus abstreifen können – und zwar komplett. Ich habe nie schöner gefeiert als zusammen mit Dänen. Das ist Lebensfreude pur. Hast Du davon gehört, dass man dem Bräutigam die Socken zerschneidet? Sehr spaßig, vor allem nach durchtanzter Nacht 

Witzig, dass Du mich auf den dänischen Humor ansprichst – gerade vor kurzem habe ich einen Podcast von DR1 gehört – Prominente werden da zum Thema dansk! befragt, sehr interessant! Nun, in der gehörten Folge äußert sich Thure Lindhardt unter anderem zum Thema Humor, den er als sehr unterschiedlich zwischen dänischem und deutschem beschreibt. Dänischer Humor ähnele eher dem britischen, und da bin ich ganz d’accord. Manchmal passen sogar die Wortspiele – ob der Ähnlichkeit der Sprachen exakt. Als ich im Restaurants eines Badehotels mal danach fragte, ob ich Bilder machen dürfe, wurde mir das bewusst.

– Må jeg godt tage nogle billeder? 

– Ja, hvis bare du lad nogle af dem hængende.

– Darf ich Bilder NEHMEN (wie im Englischen: to take pictures)
– Ja, wenn du einige an den Wänden hängen lässt.

Dauerte einen Moment, aber es ist ein typisches Beispiel.

Und zum Thema dänischer Humor kann ich noch eine weitere, sehr schöne und wahre Geschichte erzählen. Sie sagt eigentlich alles über die Art des Humors aus.

In meinem Studium, das neben Skandinavistik auch Kunstgeschichte umfasste, war ich einmal mitsamt der versammelten Seminarschar bei einer Preisverleihung in der Kunsthalle. Dort wurde Per Kirkeby geehrt. Den kennst Du ja sicher. Ich habe vergessen, um was für eine Auszeichnung es ging – Gegenstand war auf jeden Fall eine seiner Malereien. Gegenstandslos.

Das Bild hing hinter dem Rednerpult. Es wurden Reden geschwungen, die einer Oscarverleihung würdig gewesen wären – Direktor der Kunsthalle, Professoren der Kunstgeschichte aus Deutschland, Dänemark und Norwegen hielten ihre Lobreden. Sie beschrieben, was auf dem Gemälde ihrer Meinung nach zu sehen sei und was es bedeute in epischer Breite. Ich habe noch „den verregneten Abend in einer skandinavischen Großstadt“ im Ohr und wie er in das Gesamtwerk des Künstlers passe.

Dann wurde Per Kirkeby nach vorne gebeten und das erste, was er sagte, war: das Bild hängt falsch herum!

Totenstille.

(Ich schaute mich reflexartig um nach der „Versteckten Kamera“)

Das Bild hing nicht falsch herum. Es war ein Witz. Und es war noch eines –  es war der Ausdruck für etwas, was ich auch als typisch Dänisch empfinde: nimm dich selbst nicht so wichtig. Und glaube nicht, dass du besser als dein Nebenmann bist.

In diesem Sinne! Liebe Grüße von der Ostsee!

Deine Bille



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